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NADJA SCHUBERT "DIE FLÖTENZAUBERIN"
ARTIKEL VON THORSTEN MEYER IM "JAZZPODIUM"
Jazz auf der Blockflöte? Nadja Schubert ist es gewohnt, dass sich die Augenbrauen heben und die Mundwinkel zu einem Schmunzeln in die Breite gehen, wenn Leute hören, welche Musik sie macht. Aber Pioniere haben es von je her nicht leicht, und so bleibt nach einem Achselzucken („Es ist halt immer noch ein Kuriosum.“) nichts anderes als zu zeigen, welche Möglichkeiten dieses klassische Früherziehungsinstrument auch – und gerade – im Jazz spielen kann. Mit ihrem Quartett hat die Kölnerin gerade ihre dritte CD herausgebracht. Es könnte der Durchbruch für sie und ihr Instrument im Jazz werden.
Begonnen hatte es für Nadja Schubert wie für so viele Kinder: erster Instrumentalunterricht auf der Blockflöte. Doch etwas war anders: „Schon als Kind war ich einfach fasziniert von diesem Instrument. Mich hat der weiche, zerbrechliche und zugleich ausdrucksstarke Sound ungemein angesprochen.“ Wo für andere die Blockflöte nur Einstiegsinstrument vor dem Umstieg auf ein „richtiges“ Instrument ist, entdeckte Nadja Schubert in ihr viel mehr. „Mir war relativ früh klar, dass ich mich auch beruflich mit der Blockflöte beschäftigen wollte. Ich bin dabei den traditionellen Weg gegangen. Instrumentalunterricht, „Jugend musiziert“, Musikstudium, Konzerttätigkeit und derlei mehr.“ U-Musik-Luft schnupperte sie per Zufall. „Die Initialzündung war ein Konzert zu Schulzeiten, bei dem ich „Spain“ von Chick Corea spielte.“ Fortan ließ der Jazz sie nicht mehr los. Vorbilder fand sie zum einen in Vokalisten: „Die Art und Weise, wie Sänger Standardthemen gestalten, interpretieren und darstellen interessiert mich sehr. Ich denke in diesem Zusammenhang v.a. an Klassiker wie Ella Fitzgerald, Billie Holiday, Chet Baker. Zum anderen orientiere ich mich an Instrumentalisten, vornehmlich Saxofonisten wie bspw. Charlie Parker, John Coltrane oder Cannonball Adderly. Ich beschäftige mich mit ihrem jeweils eigenen Sound, mit ihrer Art zu improvisieren, zu phrasieren, und suche nach Möglichkeiten, dies angemessen auf die Blockflöte zu übertragen.“
Während ihres klassischen Studiums an der Hochschule für Musik in Köln suchte sie den Kontakt zum Jazzzweig. Sie knüpfte Kontakte und Freundschaften die bis heute Bestand haben. Die Reaktionen der Kommilitonen auf die Jazz spielende Blockflötistin waren gemischt: „Die einen fanden es von vornherein unmöglich – ohne es überhaupt richtig gehört zu haben. Aber dann gab es auch jene, die sehr aufgeschlossen und neugierig waren, und erst einmal starkes Interesse daran hatten, wie denn so etwas klingen kann. Mit denen habe ich mich dann regelmäßig weiter getroffen. Wir haben einfach experimentiert ohne großartig darüber nachzudenken, ob das jetzt gut oder schlecht zusammenpasst.“ Hieraus kristallisierte sich ihr heutiges Quartett mit Pianist Martin Sasse, Schlagzeuger Roland Höppner und Kontrabassist Sascha Delbrouck. Mit ihnen fand Nadja Schubert einen Weg, jazziges Material adäquat für die Blockflöte(n) zu bearbeiten. Die Quartett-CDs sind Dokumente eines kontinuierlichen Entwicklungs- und Findungsprozesses der Gruppe. „We will meet again“ (1994) versammelte den bunten Korb all dessen, was die Gruppe bis dahin gemacht hatte: Jazzstandards, Bearbeitungen von jazzfremden Material (bspw. ein Andante von J. S. Bach; Melodien wie „Greensleeves“ und „La Follia“; das Volkslied „Der Mond ist aufgegangen“) und Eigenkompositionen. Nadja Schubert spielte damals noch auf traditionellen, historischen Vorbildern nachempfundenen Flöten. Programmatisch war dann der Titel der zweiten CD: „Changing“ (1997). „Es hat mich damals gereizt, einmal auszuprobieren alles in einer Lage zu spielen. Ich habe mein Instrumentarium im wesentlichen auf eine Flöte in Tenorlage reduziert.“ Der Anteil an Eigenkompositionen wuchs stetig.
Die Blockflöte ist bei Nadja Schubert kein kalkuliertes Exotikum. In ihren Händen wird es zum vollwertigen, wenn auch eingeschränkten Jazzinstrument. „Die Blockflöte hat aufgrund ihrer besonderen Bauweise im Bereich von Dynamik und Tonumfang einfach ihre Grenzen. Es gibt bestimmte Dinge, die auf einem Saxofon dynamisch problemlos gehen, die auf der Blockflöte aber nur begrenzt funktionieren und mit Schwierigkeiten verbunden sind. Wenn ich beispielsweise starke Expressivität entwickeln möchte, geht es für mich als Spieler eigentlich immer auch darum, Spieltechniken zu wählen, die zwar ausdruckssteigernd wirken, die Intonation an sich aber nicht gefährden. Andererseits gibt es reizvolle Effekte wie bspw. glissandi, die auf einer Blockflöte leichter und wirkungsvoller zu erzielen sind als auf modernen Klappeninstrumenten.
Schön finde ich, daß sich seit einiger Zeit Instrumentenbauer intensiv darum bemühen, die Blockflöte in Bezug auf Ambitus, Dynamik und auch Klang weiterzuentwickeln und man darf gespannt sein auf das, was in Zukunft in dieser Richtung noch passiert.“ Auf der aktuellen Quartett-CD drückt sich Nadja Schuberts Suche nach neuen Klangmöglichkeiten auf der Flöte auch in der Verwendung von Okarina und Gemshorn aus. Die Frage, was zuerst da ist, die Klangvorstellung um die herum ein Song entwickelt wird oder das Stück, zu dem die passende Flöte gesucht wird, entwickelt sich zu der klassischen Frage nach dem Huhn oder dem Ei: „Das ist von Stück zu Stück unterschiedlich. Bei „Taler, Taler du mußt wandern“ war erst der Klang des Gemshorns da, den ich einbinden wollte. Ich fand das Instrument einfach originell, sowohl vom Sound her als auch vom Aussehen. Das ist ja ein Tierhorn, das ausgehöhlt, mit einer Masse gefüllt und mit Löchern ähnlich wie bei einer Blockflöte versehen ist. Nun ist es aber vom Ambitus her sehr begrenzt. Der Tonumfang umfasst lediglich gut eine Oktave. Ich habe mich dann auf die Suche nach geeigneten Melodien mit begrenztem Tonumfang gemacht, und stieß dabei auf einige Volkslieder mit zum Teil sehr schönen Themen. Nun, ich landete letztlich bei „Taler, Taler“ und wir haben es dann entsprechend bearbeitet.“ Und so wird aus einem Kinderlied eine entspannte Late-Night-Ballade. Die Mischung der CD, von gefühlvollen Balladen über luftige Latinnummern bis zu groovenden Beats, stimmt.
Über künftige Projekte lässt sie sich nichts entlocken. „Es gibt viele Ideen und Pläne für die Zukunft, ich will mich und mein Publikum immer aufs Neue überraschen, aber verraten möchte ich hierüber vorerst noch nichts!“ Die Frage, ob man auf der Blockflöte den Blues spielen kann, ist für sie eine rhetorische: „Ich frage da immer zurück: Warum soll das nicht gehen? Von vornherein möchte ich mich nicht beschränken. Vieles ist in meiner Karriere erst dadurch entstanden, dass wir Dinge probiert haben, bei denen andere die Hände über den Kopf zusammengeschlagen haben.“ Türen muss man eben öffnen um einen neuen Weg zu gehen. Nadja Schubert hat die Tür für die Blockflöte im Jazz weit aufgestoßen.
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